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Ausflug Ins Hamburger Umland: Wo Ein Professor Ein Schillerndes Aussteigerparadies Schuf

Ausflug ins Hamburger Umland: Wo ein Professor ein schillerndes Aussteigerparadies schuf

Es war die Zeit der Nudisten, Vegetarier, Ausdruckstänzer und Anthroposophen, als ein Hamburger Kunstprofessor 1911 beschließt, in den Wald zu ziehen. Wie so viele Anhänger damaliger Reformbewegungen träumte Johann Bossard abseits von Materialismus und städtischer Industrialisierung vom Leben im Einklang mit der Natur – und werkelte mit seiner Frau an einem märchenhaften Kunst-Refugium vor den Toren Hamburgs, das man heute immer noch besichtigen kann.   

TEXT & FOTOS   SUSANNE KRIEG  

 

 

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Er muss die Nase gestrichen voll gehabt haben. Seit um seine Löwenskulpturen am Portal des Museums für Völkerkunde Streit ausgebrochen war, hatte Johann Bossard, Professor für Bildhauerei an Hamburgs Staatlicher Kunstgewerbeschule beschlossen, keine öffentlichen Aufträge mehr anzunehmen. Der gebürtige Schweizer wollte seine künstlerische Energie lieber in ein Waldgrundstück stecken, das er 1911 in Jesteburg in der Lüneburger Heide vom Fleck weg gekauft hatte.

 

Ein Atelierhaus aus Backstein entsteht – in mühevoller Wochenendarbeit

Als Bossard aus dem Ersten Weltkrieg zurück kehrt, scheint ihn nichts mehr von seinem Plan ab zu halten. Zwischen Kiefern und Heidekraut, baut er sich – in Anlehnung an den Hamburger Backstein-Expressionismus – ein Atelierhaus aus kunstvoll angeordneten Ziegeln, malt die Fensterrahmen rot an, schreinert, meißelt und konstruiert alles selbst – zunächst in mühevoller Wochenendarbeit.

 

 

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Später wird das Innere akribisch bemalt. Grell, bunt. Ausgestattet mit Plastiken, Keramiken, bunten Teppichen, selbstgetöpfertem Geschirr … Obwohl der Professor vor den Folgen der Moderne flüchtet, steht sein Refugium ganz im Zeichen modernistischer Kunst.

 

Ein Heiratsantrag im Wald

Ab 1926 bekommt er Hilfe. Von seiner ehemaligen Studentin: Carla Augusta Elsine Dorothea Krull, kurz: Jutta. Eigentlich will sie nach dem Examen nach Paris, stattet ihrem Professor jedoch noch einen Abschiedsbesuch im Waldhaus ab. Dort macht Bossard der 29 Jahre jüngeren Lehrerstochter einen Antrag. Am Verlobungstag erzählt er von seinem Plan, neben dem Waldhaus einen „Kunsttempel“ bauen zu wollen. Jutta Krull ist begeistert und bringt gleich noch ihre Schwester Wilma mit in den Wald, wo diese dem Paar den Rücken frei hält und den Künstlerhaushalt führt.

 

 

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Schon am Hochzeitstag gehen die Bossards in die Töpferstube

Noch am Vormittag nach der Hochzeit machen sich die Bossards an die Arbeit: „Wir hatten beide große Lust, auch an diesem Tage etwas in Ton zu modellieren“, heißt es. Und so wächst auf dem Platz neben dem Atelierhaus schon bald ein skurril anmutender Tempel der Kunst empor, ein rechteckiger, dunkler Backsteinbau mit spitzen Wandvorsprüngen und dreieckigen Dachgauben.

 

Kunststiftung Bossard

 

Im Innern betritt man eine andere Welt, großartig und seltsam skurril zugleich. Es geht um Schöpfung, den Lebenskreislauf, um Körper- und Geisteskraft, um menschliches Handeln und Wandeln, um Aufgang und Untergang, die Mythologie des Nordens…

 

Kunststiftung Bossard: Ausflugstipp im Hamburger Umland

Ein Reich mit Tempel und schrillen Märchenzimmern

Man würde sich heute wirklich nicht wundern, wenn die Bewohner der Dörfer ringsum die Bossards damals für ein paar schräge Vögel aus der Stadt gehalten hätten, die zwischen Skulpturen und Hecken auf ihrer 30.000 Quadratmeter großen Kunststätte samt Klostergarten, Märchenzimmern und Heidekraut ihren abgeschiedenen Traum lebten  …

 

 

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1950 arbeitete Jutta Bossard unermüdlich weiter an ihrem Aussteigerparadies mitten im Wald, das am Ende über 7.000 Kunstwerke umfassen sollte. Heute ist alles weitestgehend im Originalzustand erhalten. Jutta Bossard ist Ende der 1990er Jahre gestorben. Verlassen haben sie und ihr Mann ihr Lebenswerk nicht: Ihre Urnen ruhen am Ende einer Monolithenallee unter einem runden Stein im Park.

Ein Ausflug ins Hamburger Umland, der sich lohnt!

Für mich gehört dieser Ort zu den wundersamsten Ausflugstipps im Hamburger Umland. Erfahren habe ich erst kürzlich von ihm – durch Carlotta, die an einem meiner Workshops teilgenommen hat. An dieser Stelle noch einmal: Danke, Carlotta!!!

 

 

 

Infos zur Kunststätte Bossard

Öffnungszeiten

November–Februar: So 11–16 Uhr
März–Oktober: Mi–So 11–18 Uhr

Eintritt

Erwachsene: 8 € (Besucher unter 18 Jahren: freier Eintritt)
Ermäßigt: 5 € 

Anfahrt

Bossardweg 95, 21266 Jesteburg, Tel. 04183 51 12

www.bossard.de


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