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Rutschbahn, Herrlichkeit & Knochenhauertwiete: Skurrile Hamburger Straßen & ihre Geschichte

In Hamburg soll es derzeit 8.994 Straßen geben und auf meinen Streifzügen durch die Stadt sind mir schon so manch kuriose Namen untergekommen. Woher sie kommen und wie es früher dort aussah? Ich hab‘ da mal ein bisschen recherchiert! 

 

Jungfernstieg

Seit 1684  ist der Name „Jungfernstieg“ für Hamburgs luxuriöse Einkaufsstraße an der Alster belegt. Und schon Heinrich Heine (1797–1856) notierte, dass „der schönste Spaziergang der Söhne und Töchter Hammonias den rechtmäßigen Namen Jungfernstieg führt“. Dieser wird auf ein altes Sonntagsritual zurückgeführt, nach dem dort die unverheirateten Töchter aus bürgerlichen Familien wie bei einer Art analogem „Biedermeier-Tinder“ flanierten, um sich zu präsentieren.

Drei Innovationen, die auf das Konto von Hamburgs Jungfernstieg gehen:

  1. 1838 war er Deutschlands erste asphaltierte Straße
  2. Der Alsterpavillon (der dort stand, wo sich heute das muschelförmige Restaurant ALEX befindet), war 1799 Deutschlands erste Eisdiele, eröffnet von einem Franzosen namens Augustin Lancelot de Quatre Barbes.
  3. Mit Sillem’s Bazar eröffnet außerdem 1843 die erste überdachte Einkaufspassage des Landes. Zielkundschaft: Flaneure und Luxusliebhaber.

So wunderschön sah der oben erwähnte Alster-Pavillon übrigens um 1900 aus: 

Der massive Bau mit polierten Granitsäulen und glasierten Steinen bekam damals von den Hamburgern den Spitznamen „Kachelofen“.

 

Herrlichkeit

Hier seht Ihr ein Bild der Hamburger Künstlerin Ebba Tesdorp (1851-1920), das die „Herrlichkeit“ zeigt, eine Straße am Rödingsmarkt. Die Zeichnung ist 1882 entstanden, doch schon um diese Zeit sah man in der Herrlichkeit nicht mehr viel von dem, was der Name einst versprach. Im 16. Jahrhundert blühten hier noch stadteigene Gärten, deren Nutzung ein Privileg Hamburger Ratsherren war. Im 19. Jahrhundert war das grüne Paradies längst einem verwinkelten Viertel aus Gängen und stinkenden Fleeten gewichen, in dem Tagelöhner neben Gaunern, Dirnen und anderen lichtscheuen Gestalten hausten. Auch das Gängeviertel gibt es nicht mehr. Heute liegt die „Herrlichkeit“ eingepfercht zwischen einem großen Parkhaus und dem Stellahaus, das zu einem der ersten Hochhäuser Hamburgs zählt. 

Wenn Ihr mehr über das oben erwähnte Gängeviertel erfahren möchtet, das damals zu den größten Slums Europas zählte, schaut mal hier vorbei:

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Foto-Zeitreise: Als Hamburgs Gängeviertel die größten Slum Europas waren...

 

Caffamacherreihe

Dies ist ein Hinterhof, der wie die oben erwähnte Herrlichkeit ebenfalls Teil eines verwinkelten Viertels aus dunklen Gassen und Fleeten war. Es lag jedoch nicht am Hafen, sondern nahe des Gänsemarktes in der Neustadt. Die Straße, in der man diesen bunten Hof heute findet, nennt sich Caffamacherreihe. Immer wieder habe ich mich gefragt, woher der seltsame Straßenname wohl stammt. Von Kaffee, war mein erster Gedanke. Weit gefehlt! Die Straße ist nach den „Caffamachern“ benannt, Webern, die hier im 17. Jahrhundert geblümten Samt („caffa“) herstellten. Heute ist die Gegend um diesen Hof eine Enklave für tolle Streetart. Wenn Euch das Thema Urban Art interessiert, solltet Ihr unbedingt folgenden Beitrag lesen:

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Urban Streetart in Hamburg: Lieblingskunstwerke aus der Sprühdose
 

 

Knochenhauertwiete

Diese kleine Gasse wurde vom Versmannhaus überbaut, ist im Grunde also ein kleiner Tunnel, der die Mönckebergstraße am Rathausmarkt mit der Rathausstraße verbindet. In der Knochenhauertwiete ging es Fürher blutig zu: Hier hatten sich einst die Fleischer angesiedelt.

Am Eingang der Twiete kann man zwei Skulpturen sogenannter „Knochenhauer“ sehen, wie sich Metzger bzw. Fleischer im Mittelalter nannten. Übrigens befindet sich im Versmannhaus auch ein tolles Treppenhaus, über das ihr mehr in diesem Blogpost erfahrt:

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Treppenhäuser in Hamburg: Auf der Jagd nach fotogenen Spiralen
 

 

ABC-Straße

Die ABC-Straße, in der sich heute u.a. der Hamburger Firmensitz von Google befindet, ist eine der ältesten Straßennamen Hamburgs und wurde bereits 1620 erstmals urkundlich erwähnt. Der Name stammt von den ursprünglich in alphabetischer Reihenfolge benannten Häuser der Straße. Nummern erhielten die Häuser erst 1833. Unter Denkmalschutz steht u. a. das Haus Nummer 47, ein ehemaligen Armenhaus. 

In der ABC-Straße stand auch die legendäre „Palette“, die Hubert Fichte, ein Hamburger Schriftsteller und Vordenker der Queer-Studies, in seinem gleichnamigen Roman porträtierte. In der Kellerkneipe trafen sich  „Gammler“ und Beatniks. Nach mehreren Drogenrazzien wurde die Palette jedoch in den 1960ern geschlossen.

 

Milchstraße

Die Milchstraße liegt im heute sehr feinen Pöseldorf und heißt so, weil hier früher jede Menge Milchhändler wohnten. Bis ins 19. Jahrhundert war Pöseldorf nämlich noch ein reines Gartengebiet. Das Wort „pöseln“ kommt von „puzzeln“ und bedeutet so viel wie „gärtnerisches Herumwirtschaften ohne großen wirtschaftlichen Erfolg“.

Dann wurde die Gegend um die Milchstraße mit Villen bebaut und Pöseldorf zu einem Viertel der Reichen, als das man es bis heute bezeichnen kann. Ich füge hier mal ein Foto von Dienstmädchen jener vornehmen Haushalte ein, die in Pöseldorf ab dem 19. Jahrhundert überwogen. Man nannte sie „Kökschen“ (Platt für „Küchenhilfe“) und mitunter blieben sie ein ganzes Leben lang bei ein und demselben Hanseaten-Clan:

 

Rutschbahn

Der Name Rutschbahn geht auf einen Gastronom zurück. Er hatte im Garten seines Lokals, dass sich zunächst noch „Auf dem Grindel“ befand, eine ziemlich lange Rutschbahn für seine Gäste aufgestellt. Das fand so großen Gefallen, dass die Straße 1874 tatsächlich danach umbenannt wurde. Leider scheinen keine Bilder von dem Lokal mehr zu existieren…

 

 

Reeperbahn

Die Reeperbahn war mit ihren 930 Metern Länge nicht immer die Hauptschlagader für Hamburgs Vergnügungssüchtige. Darauf weist ihr Name hin, der die niederdeutsche Bezeichnung für „Seilerbahn“ ist. Das Wort „Reep“ geht zurück auf die Reepschläger – Seilknüpfer, die lange gerade Straßen benötigten, um Trosse oder „Reepe“ bzw. Schiffstaue herstellten. 

So sah die Reeperbahn mit dem in der Mitte angesiedelten Spielbudenplatz um 1900 aus:

In Wedel steht noch das 1758 erbaute Reepschlägerhaus, das sogar bis 1964 als Handwerkshaus von Reepschlägern genutzt wurde. Es steht heute unter Denkmalschutz und wurde in eine hübsche Teestube mit großartigem Tortenangebot umfunktioniert:

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Reepis Teeketel (@reepisteeketel)

Wenn Euch die ersten Sportvereine der Welt interessieren, die ausgerechnet ihren Ursprung auf St. Pauli und zwar ganz in der Nähe der Reeperbahn hatten, dann ist folgender Beitrag vielleicht etwas für Euch:

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Foto-Zeitreise: Als Hamburg die ältesten Sportvereine der Welt erfand

 

 

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