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So sah Hamburg vor 100 Jahren aus: Schöne Grüße aus der Vergangenheit!

Ständig auf der Suche nach historischen Bildern von Hamburg, bin ich vor kurzem mal wieder fündig geworden: In einem Privatarchiv eines echten Blankeneser Urgesteins. In dessen Regal entdeckte ich ein Buch mit Fotografien aus dem Jahr 1912. Dienstmädchen, Wochenmärkte, echte Seebären… Die schönsten Bilder möchte ich Euch hier zeigen und ein paar Hintergrund-Geschichten dazu erzählen. Eines der Motive zeigt dabei auch den Nikolaifleet, den Ihr auf der aktuellen Elbville-Abo-Postkarte seht (am Ende des Posts wie immer herunterladbar!)…

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FOTOS & TEXT Frau Elbville alias Susanne Krieg / historische Aufnahmen aus „Hamburg – Land und Leute der Niederelbe“

Der Nikolafleet um 1912: Wo einst ein Unglück geschah

Nikolaifleet (historische Aufnahme)

Der hier gezeigte Nikolaifleet hieß um 1912 offenbar noch „Deichstraßen-Fleet“, zumindest wird er als solcher unter diesem historischen Foto aus dem oben erwähnten Fotoband „Hamburg – Land und Leute der Niederelbe“ bezeichnet – was gar nicht abwegig ist, verläuft hinter den Häusern doch tatsächlich die Deichstraße. In der spaziert man heute an kleinen Läden und Lokalen wie dem pittoresken „Café am Fleet“ (früher: „Kolonialwarenladen“) vorbei, in dessen Gebäude sich übrigens auch der Sitz der berühmten Hamburger „Kemm’schen Kuchen“ befindet.

Café am Fleet (früher Kolonialwarenladen, Deichstraße Hamburg)

Nur ein paar Häuser weiter brach im Jahr 1842 ein verheerender Brand auf dem Speicher eines Zigarrenmachers aus, der große Teile der Altstadt und mit ihr all die schönen Hamburger Bürgerhäuser vernichtete, von denen es heute nur noch wenige wie hier in der Deichstraße bzw. am Nikolaifleet gibt, da der Wind das Feuer in nordöstliche Richtung durch die gesamte Stadt trieb. Der Nikolaifleet gehört mit diesen noch erhaltenen Häusern wohl zu einem der fotogensten Orte Hamburgs.

Nikolaifleet

Eine Blankeneserin und ein Fischer am Elbstrand

Das folgende Foto gibt Aufschluss darüber, was Blankenese früher einmal war: ein Dorf, hauptsächlich bewohnt von Fischern, aus denen später ganze Seefahrerdynastien hervor gingen.

Heute ist Blankenese das Königreich unter den Hamburger Stadtteilen, ein Villenviertel, in dem sich nur noch Gutbetuchte eine Bleibe mit Blick über die Elbe leisten können. 

Blankenese: ein Ort der Fischer und Kapitäne

Erst Ende des 18. Jahrhunderts begannen reiche Handelsleute Sommerresidenzen zwischen die Fischerklausen zu bauen. Etwa zur gleichen Zeit begannen viele der Fischer, nebenberuflich als Lotsen zu arbeiten. Geschäftstüchtig, wie sie waren, nutzten sie Ihre Ewer außerdem bald auch für den Frachtverkehr und liefen holländische, englische oder dänische, später sogar russische und italienische Häfen an. Um 1842 fuhr beinahe jeder männliche Bewohner des Ortes im Alter von 14 bis 60 Jahren zur See. Bis weit ins 20. Jahrhundert kamen aus den alteingesessenen Blankeneser Familien viele Seeleute. Hier berichtet z.B. Kapitän Jürgen Stolle aus seinem bewegten Leben – noch Anfang der 1960er hatte er die Blankeneser Seefahrtschule besucht, die es heute nicht mehr gibt.

Quelle: hamburg.de

In der Vergangenheit mussten sich die Ehefrauen der Blankeneser Seefahrer oft allein um Haus, Garten und Kinder kümmern. Einige dieser Frauen suchten sich ebenfalls Nebenverdienste. So wie die Kapitänsfrau Anna Schuldt, die um 1880 begann, die ersten Gartenstühle in ihrem Gemüsebeet auf dem Süllberg aufzustellen und Kaffee und Kuchen zu servieren. Das Gartencafé Schuldt gibt es heute noch (Süllbergsterrasse 30 Website / Google Maps). Und wie schon vor 100 Jahren brüht man Euch hier immer noch das mitgebrachte Kaffeepulver per Hand auf, wenn ihr möchtet. PS: Die Waffeln mit Sahne, heißen Kirschen und Eis sind legendär!

So sah der Alster-Pavillon früher aus!

Der Alsterpavillon war 1799 Deutschlands erste Eisdiele und verwandelte ganze sechs Mal seine Gestalt. Die von einem Franzosen namens Augustin Lancelot de Quatre Barbes errichtete Eisdiele wich 1835 einem neuen Pavillon im klassizistischen Stil,  der 1874 und 1876 umgebaut und erweitert wurde. 1900 entstand schließlich der Bau, den Ihr auf diesem Foto seht. Mit seinen polierten Granitsäulen und glasierten Mettlacher Steinen bekam er den Spitznamen „Kachelofen“. 1914 wurde ein fünftes Gebäude errichtet, in dem noch während des Dritten Reiches Swing-Konzerte veranstaltet wurden, obwohl diese Musik verboten war. 1942 zerstörten Bomben den 5. Pavillon. Das heute existierende halbkreisförmige sechste Gebäude („ALEX“) mit Flachdach wurde 1952–1953 erbaut und 1992–1994 umgebaut:

 

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Ein Hamburger Dienstmädchen

Ein Dienstmädchen wartet auf die Milch. Wo in Hamburg ist mir nicht bekannt. Jedenfalls fragt man sich heute, wie junge Frauen die Anstellung im Haushalt einer reichen Familie damals nur aushalten konnten…

Mir pochte das Herz fürchterlich, wie wir die teppichbelegten Treppen hinaufstiegen. In diesem feinen Haus sollte ich dienen? Im Zimmer, in welches ich hinaufgeführt wurde, befanden sich drei Personen. Ein alter Herr, welcher ausgestreckt auf einem Sofa lag, eine alte, sehr korpulente Dame und eine junge Frau. Sie alle musterten mich mit kritischen Blicken. Der Herr, wie mir schien, mit eigentümlichem Lächeln auf den Lippen… Wir wurden uns einig. 55 Taler Lohn im Jahr und ein sehr gutes Weihnachten…“

So beschreibt Doris Viersbeck ihre Vorstellung in einem Hamburger Bürgerhaus im Jahr 1888. Sie ist gerade 20 Jahre alt und von Holstein in die Stadt gekommen. Sie arbeitet zwischen 14 und 16 Stunden täglich. Aber auch dann hat sie keine Ruhe. „Jede Nacht um zwei muss ich dem gnädigen Herrn eine frische Tasse Kaffee kochen“. Und die Gnädigste kommentiert: „Wozu bezahlt man denn seine Domestiken?“ Doris Viersbecks autobiografisches Buch „Erlebnisse eines Hamburger Dienstmädchens“ ist 1910 (zur Entstehungszeit des Fotos) erschienen.  Man kann es heute immer noch kaufen. 

Am Messbergbrunnen

Die Sonnenschirme! Die bestickten Kleider! Dieser Kinderwagen! Die misstrauischen Blicke der Herren…! Eine Marktszene am damaligen Messberg:

Auf dem Messberg kaufte man früher Käse, Butter, Milch und Eier – Waren, die die Bauern und Bäuerinnen früh morgens mit ihren Ewern aus den Vier- und Marschlanden in die Stadt transportierten. Die Vierländerinnen und Vierländer lieferten auch Gemüse, Obst und Blumen und wurden deshalb auch die Grönhöker genannt. Interessant: Im Hintergrund seht Ihr den berühmten „Vierländerin-Brunnen“, der ein Mädchen in typischer Tracht mit Gemüsekorb zeigt. Heute steht er allerdings nicht mehr am Messberg, sondern auf dem Hopfenmarkt neben dem Mahnmal St. Nikolai. Anstelle des Marktes am Messberg befindet sich heute … das Chilehaus:

Alsterschwäne

Dass die Schwäne auf der Alster Hamburgs Glückssymbole sind und das Beleidigen eines Schwans 1664 per Gesetz verboten wurde, habe ich hier ja schon an anderer Stelle angemerkt. Das Füttern der Schwäne war dafür um 1910 offenbar noch erlaubt.

Heute hingegen bittet die Stadt ausdrücklich darum, Hamburgs Wasservögel NICHT zu füttern. Denn das regelmäßige Füttern lockt zu viele Vögel an. Ihr Kot und die Brotreste lagern sich auf dem Gewässergrund und am Ufer ab und werden im Sommer zum Nährboden für den „Botulismus“-Erreger, der bei den Tieren zu Lähmung und qualvollem Ersticken führt.

Zu guter Letzt eine Preisfrage!

Was befindet sich heute anstelle dieses Gebäudes? Richtig. Die Elbphilharmonie. Dabei  war der Kaisspeicher A, auf dem sie thront, schon vor hundert Jahren sehr berühmt. Auf dem Turm des damaligen Gebäudes gab es nämlich einen Zeitball. Jeden Tag wurde er um 11.50 Uhr in die Höhe gezogen und fiel um Punkt Zwölf drei Meter in die Tiefe. Keine Spielerei, sondern modernste Zeitmessung, die für die Seeleute damals unabdingbar war. Sie konnten so ihre Chronometer im Hafen auf die Sekunde genau einstellen und später auf See den Längengrad der Position ihres Schiffes bestimmen.

Wenn Euch weitere historische Fotografien aus Hamburg interessieren, möchte ich Euch noch kurz diesen Blogbeitrag empfehlen, in dem es um die nicht mehr existenten Gängeviertel der Stadt geht:

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Foto-Zeitreise: Als Hamburgs Gängeviertel die größten Slums Europas waren...

Die neue Postkarte könnt Ihr hier in analoger Form bekommen oder Euch wie immer hier herunterladen:

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So, das war’s für heute! Ich hoffe, die Postkarte hat Euch gefallen. Anfang Dezember kommt die nächste!

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Der Hafen. Die Elbe. Die Kräne... Und eine neue Elbville-Postkarte

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Dampfschiffe, Prachtvillen & gepflegte Drinks: 10 Tipps für Vergnügungen rund um die Hamburger Alster

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Geheimnisse der Speicherstadt: Von Kuriositätenkammern, Pechhauben & Filmleichen im Fleet

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